Orchideen – 6 Erfolgsstrategien in Westkanada

Orchidee Bergfauenschuh in Westkanada

Orchideen: ein magisch klingendes Wort, ein Traum von exotischen Pflanzen aus tropischen Ländern. Doch halt, auch im gemäßigt-temperierten Westen Kanadas gedeihen diese Schönheiten prächtig.

Verführerisch? Oh jaaa, und wie.

Die extrem anpassungsfähige und ausgesprochen gewiefte Pflanzenfamilie hat es als global Player geschafft. Ihre Artgenossen siedeln auf allen Kontinenten der Erde – von tropischen und gemäßigten Regenwäldern über Steppengebiete bis hinein in Millionen Wohnzimmer weltweit.

Ihre 6 Erfolgsstrategien am Beispiel westkanadischer Organismen.

        1. Bündnisse
        2. Kundenkomfort
        3. Komprimierung
        4. Täuschen und Tricksen
        5. Vielfalt
        6. Schönheit
        7. Tourenvorschlag

  1. Orchidee getreifte Korallenwurz in Westkanada
    Gestreifte Korallenwurz (Corallorhiza striata)

    1. Bündnisse

    Orchideen kämpfen niemals allein um ihre Existenz. Im Gegenteil: sie schließen sich zusammen und verbünden sich von Anfang an. Jede Einzelne ihrer Art geht eine lebenslange Partnerschaft ein und bildet mit ihrem Gefährten von ‚Geburt‘ an ein symbiotisches Team.

    Dieser Partner ist: ein Pilz. Er dient als Starthilfe in die Existenz und ins blühende Leben. Und das ist auch notwendig, denn die staubfeinen Orchideensamen enthalten keinerlei Nährstoffe für den jungen Sprössling und zählen zu den kleinsten aller Blütenpflanzen. Sie sind so winzig, dass 1g Saatgut etwa 300.000 – 1,4 Millionen Samenkörner umfasst.

    Die Mykorrhiza-Pilze, die diese Lebensgemeinschaft eingehen, können Mineralstoffe, Nährsalze und Wasser optimal aus Boden und Luft lösen. Und sie liefern sie direkt über die Wurzeln an ihre Orchidee, Zeit ihres Lebens. Die Pflanzengrazien geben dafür einen Teil ihrer aus der Photosynthese erzeugten Energie über die Wurzeln an ihren Symbionten ab.

    Aber was wäre die Welt ohne Ausnahmen! Die gestreifte Korallenwurz (Corallorhiza striata / Striped Coral Root) und andere Mitglieder der Gattung geben einfach nichts zurück. Sie leben mykoheterotroph, heißt: sie beziehen primär ihre Nährstoffe durch den Pilz.

  2. Das spart Energie. Und da sie Waldgebiete mit wenig krautigem Unterholz als ihren bevorzugten Lebensraum wählen, ernähren sich die Pilze von der Kost der Bäume allein. Die Energie setzen die Orchideen gezielt woanders ein: Gast und Bestäuber sind schließlich König und wollen umgarnt werden!
Orchidee Waldhyazinthe in Westkanada
Waldhyazinte (Platanthera dilatata)

 2. Kundenkomfort

  1. Für sie stehen Orchideen sogar Kopf. Im wahrsten Sinne des Wortes drehen sie ihre Blüten so, dass eine einladende Landebahn für Insekten entsteht.
    Der Grundbauplan: 3 äußere (Sepalen) und 3 innere (Petalen) Blütenblätter sind in Kreisen angeordnet, wobei das mittlere Blütenblatt des Innenkreises gegenüber den beiden anderen wesentlich vergrößert und als Lippe (Labellum) ausgebildet ist. Diese Lippe kann geteilt oder ungeteilt, sackartig, konkav oder schuhförmig gestaltet sein und dient in der Regel als Landebahn. Bei vielen Arten ist sie auch mit Schwielen, Lamellen oder Kämmen versehen.

Die große weiße Moororchidee oder Waldhyazinthe (Platanthera dilatata / Bog Candle, Tall White Bog Orchid) spezialisierte sich auf den olivgrünen Eulenfalter (Mesogona olivata) als Bestäuber. Diese Motten müssen auf der Blüte landen, um an den Nektar zu gelangen. Verschiedene Längen und Formen des nektarabsondernden Sporns innerhalb der Art lassen nun darauf schließen, dass unterschiedliche Nachtfalterarten die jeweiligen Orchideen über ihr Verbreitungsgebiet hinweg befruchten.

Moororchideen duften stark würzig nach Vanille und wachsen vorrangig in Sumpfgebieten, Marschland, Mooren, an Flussufern, in nasser Tundra und an Straßenrändern. Hört sich nach Mückengegend an? Yep. Auch 15 Arten der Mücken-Gattung Aedes trinken den Nektar einiger Moororchideenarten und fungieren somit als Arterhalter dieser Sumpfzartheiten.

  1. Doch die Bestäubung an sich birgt bei dieser massenhaften Samenanzahl erhebliche Herausforderungen für die Königinnen der Pflanzenwelt. Denn auch wenn es für uns Menschen scheinbar Milliarden Mücken auf der Welt gibt, die uns alle auf einmal aussaugen wollen, so sieht die Realität anders aus. Keine hunderttausend passenden Bestäubungs-Insekten stürmen eine Orchidee exakt zur richtigen Zeit.
  2. Orchideen Bergfrauenschuh in Westkanada
    Frauenschuh (Cypripedium montanum)

     

  3. 3. Komprimierung

    Sofern sich die Orchidee nicht vegetativ vermehrt, muss sie ihre unzähligen Mini-Samen an andere Pflanzen bringen.

    Das Problem löst sie mittels kompakten und komprimierten Pollenpaketen. Der Blütenstaub wird zu Pollinien zusammenverklebt und so positioniert, dass vorbeikommende Bestäuber diese zwangs-gewissermaßen mitnehmen und am vorbestimmten Ort wieder abgeben.

    Dafür entwickelten die verschiedenen Orchideenarten über die 85 Millionen Jahre ihrer Existenz ausgeklügelte Methoden. Ihnen gemeinsam ist der Fakt, dass die auserkorenen PollenüberträgerInnen so manipuliert werden, dass sie einen bestimmten Platz einnehmen oder durch eine spezifische Wegführung gelenkt werden.

    Beispielsweise wird der Bergfrauenschuh (Cypripedium montanum / Mountain Lady’s Slipper) durch den anlockenden Blütenduft von kleinen bis mittelgroßen Bienen auf der Suche nach Nektar und Pollen bestäubt. Durch die für Hummeln zu kleine Öffnung in der Blüte schlüpfen die Bienen hinein. Sie finden ihren Weg zum Ende der Lippe wahrscheinlich mittels Lockstoffen oder visuellen Reizen.

    Beim Eintreten drücken sie die elastische Lippe nahe der Säulenbasis nach unten und schaffen so eine Passage, die direkt unter dem Staubbeutel hindurch in Richtung der 2 Öffnungen an der Säulenbasis führt. Beim Austritt aus der engen Basalöffnung der Lippe bekommen sie das klebrige Pollenpaket auf den Rücken oder seltener auf den Kopf deponiert.

    Dabei ist der Bergfrauenschuh nicht sehr wählerisch, sondern gedeiht sowohl in moderat feuchten als auch in trockenen Laub- oder Koniferenwäldern, in Dickichten und auf Lichtungen, auf subalpinen Wiesen und in Buschnähe auf offenen Hängen, im Schatten und in voller Sonne von Südostalaska bis Kalifornien.

    Moment. Wie war das: manipuliert? Na klar!

    Ordchideen Feenschuh in Westkanada
    Feenschuh (Calypso bulbosa)

    4. Täuschen und Tricksen

    Während die Knabenkrautgewächse (Hodenform-ähnliche Wurzel mancher Arten) eine vorbildliche Symbiose eingehen können, sind sie zugleich raffinierte Trickserinnen im Umgang mit ihren Bestäubungshelfern! Orchideen verschenken nur selten Nektar als Dank. Es gibt schließlich effizientere und genialere Methoden.

    Die Königin der nordischen Orchideen, der Feenschuh oder auch die Norne genannt (Calypso bulbosa / Oakes Calypso, Fairy Slipper) ist eine von unzähligen Arten, die keine Gegenleistungen erbringen. Sie verlässt sich auf ihre leuchtende Farbe, die staubbeutelähnlichen Haare sowie den süßen Geruch um naive Bestäuberinnen anzulocken, allen voran frisch geschlüpfte Hummel-Königinnen. Die Varietät occidentalis (weiße und rötliche Zeichnungen auf der Lippe) ist in den nordwestlichen Regionen Nordamerikas, vor allem in feuchten und schattigen Wäldern zu finden.

    Doch es gibt noch weitere sehr wirksame Kniffe.

    Für 2 Verlockungen verlassen wir kurz den Nordamerikanischen Kontinent, weil sie das Potential so deutlich zeigen. Die in Europa heimische Gattung Ophrys beispielsweise ist berühmt für ihre Tarnung. Bereits 1916 beobachtete der Franzose Pouyanne das Phänomen, dass nur die männlichen Dolchwespen die Blüten besuchen und dabei versuchen sich zu paaren. An Stelle der Nahrungssuche nutzt die Orchidee das Pheromon-gesteuerte Verhalten der Insekten. Diese Pseudokopulation wird von einigen weiteren Orchideenarten als gelingende Fortpflanzungstechnik gewählt.

    Bei Weibchen zieht eher die Fürsorgepflicht, fanden Forscher des Max-Planck-Instituts in Jena heraus: die Germblättige Stendelwurz (Epipactis veratrifolia) aus dem Vorderen Orient verströmt den Duft diverser Blattlausarten. Das lockt Schwebfliegenweibchen in der Hoffnung auf eine gut gefütterte Kinderstube für ihre Nachkommen an. Sie legen ihre Eier ab und erhalten dafür die Pollen zum Weitertransport. Leider ist dies ein bitterer Tausch, denn die geschlüpften Schwebfliegenlarven finden statt der Blattläuse nur ein wenig Nektar vor.

    Man schätzt, dass etwa ein Drittel aller Orchideen mit einfallsreichen, zwielichtigen Tricks arbeiten. Verschiedene Methoden, verschiedenes Antlitz, verschiedener Lebensraum.

    Orchidee frühe Korallenwurz in Westkanada
    Nördliche Korallenwurz (Corallorhiza trifida)

    5. Vielfalt

    Es wird zunehmend offensichtlich: Orchideen zählen zu einer der artenreichsten Familie der Blütenpflanzen überhaupt, mit über 30.000 verschiedenen natürlich vorkommenden Arten. Innovationsvermögen und Anpassung liegen in ihrer Natur.

    Allein der formen- und farbenreiche Blütenbau ist einzigartig im Reich der Blütenpflanzen: so bizarr gestaltet, so kontrastreich gefärbt, von winzig Millimeter kleinen Exemplaren bis hin zu 10 cm großen Blüten.

    Apropos super klein und nur schwer zu erkennen: Das Photo der frühen oder nördlichen Korallenwurz (Corallorhiza trifida / Early Coral Root, Northern Coral Root) habe ich meiner Blase zu verdanken, deren Fülle mich abseits des Weges zum Goat Lake im Waterton National Park in eine kleine Lichtung führte. Die 0,5 – 1mm großen Blüten gruppieren sich im Frühsommer entlang des 8 – 36 cm langen Stämmchens.

  4. Korallenwurz gedeiht in feuchten Wäldern, Mooren oder Sumpfgebieten. In der Regel bestäuben sie sich durch einen ausgeklügelten Mechanismus selbst. Die Antherenkappe hebt sich im Austrocknungsprozess, so dass die mit dem flexiblen Pollenstielchen verbundenen Pollinien direkt auf ihren Bestimmungsort, die Narbenfläche, fallen.

    Im Westen Kanadas wachsen Orchideen aus der Erde. Während die korallenförmigen Rhizome dort die Nährstoffe von ihrem Pilz aus der Erde beziehen, geschieht das Gleiche in wärmeren Gefilden nur eben aus der Luft. Denn dort geht es um den hart umkämpften Platz an der Sonne und da heißt es: ab auf die Bäume. Zudem dienen die Luftwurzeln mit ihren schwammartigen Hüllen (Velamen) als Wasserspeicher und helfen so, Trockenzeiten zu überleben.

    Doch obwohl Orchideen in Hülle & Fülle existieren, bekommt der Mensch wohl nie genug.

    Orchidee gepunktete Korallenwurz in Westkanada
    gepunktete Korallenwurz (Corallorhiza maculata)

    6. Schönheit

    Oder gehört Grazie etwa auch zur Mimikri? Wenn sich Bestäuber um den Finger wickeln lassen, warum dann nicht gleich die Art homo spaniens sapiens, die statt einer Pflanze gleich Millionen Bestände sichern kann?

    Eine mögliche Strategie, die Prof. Dr. Michael Pollan als Botanik der Begierde am Beispiel der Tulpen bezeichnet. Eine reziproke Beziehung, bei der Pflanzen das fundamentale menschliche Bedürfnis nach Schönheit bedienen und im Gegenzug freigiebig vermehrt werden. Die Reproduktion ist gesichert. Zumindest von einem Teil der Arten.

  5. Während Einige bereits ausgestorben sind, werden mittels Züchtungen Neue erschaffen. Die für den Menschen Optimalsten werden als exakte Replika durch Klonen vermehrt: die Zeit der Reife wird halbiert und Krankheitsresistenz gesichert. Und das schneller als die Natur erlaubt!

  6. Kurzer Blick zurück: vor einigen Jahrhunderten brachten Tulpen die Menschen um ihren Verstand und auch ihr Geld. In den 1950er Jahren begann der Export gekühlter Orchideen aus Südost- und Ostasien. Heutzutage besiedeln sie also nicht nur die schrumpfenden Wildnisgebiete der Erde, sondern nisten global direkt in den Höhlen… den Wohnungen der Menschen selbst – Milliardenfach.

    Anmut als Überlebensstrategie!

    Crypt Lake Wateton Nationalpark Kanada
    Auf dem Weg zum Crypt Lake im Waterton Nationalpark Kanada
  7. Tourenvorschlag

    Eine tolle Runde für den Bergfrauenschuh sowie die gepunktete und gestreifte Korallenwurz ist der von National Geographic in die Liste der 20 spannendsten Trails aufgenommene Bergwandertour zum Crypt Lake (Tour 4) im Waterton Nationalpark an der Grenze zu den USA.

    Feenschuh wächst häufig in feuchten Niederungen, hauptsächlich zwischen Mai und Juli, unter anderem am Mt. Robson (Tour 54) und Saturday Night Lake Loop in Jasper (Tour 53).

    Wer nun im Westen Kanadas unterwegs diese verführerischen Grazien erspäht, kann sie neben den gängigen Pflanzenbestimmungsbüchern auch mit Hilfe der Webseite des Nordamerikanischen Orchideenzentrums bestimmen. Man findet eine klar strukturierte, bebilderte und detaillierte Übersicht zur Identifikation & Beschreibung der jeweiligen wild lebenden Exemplare.

    Ein Fenster in die Vergangenheit bietet zudem das ausführliche Werk des amerikanischen Botanikers Stewardson Brown (1867-1921): ‘Alpine flora of the Canadian Rocky Mountains‘, dass von der Open Library der University of British Columbia öffentlich zugänglich digital im Netz zur Verfügung gestellt wird.

    Und nun viel Spaß beim Finden & Staunen!