Das 3×3 der Gletscher in den Kanadischen Rockies (Nord)

Einer Perlenkette gleich, folgt am Icefields Parkway ein Gletscher dem Nächsten. Die Traumstraße Westkanadas macht ihrem Namen alle Ehre, schlängelt sie sich doch zwischen den schneebedeckten Gipfeln der Kanadischen Rockies hindurch. Jeder Gletscher leuchtet mit seinen eigenen Farben, erlebte seine eigene Geschichte, erscheint in seiner ureigenen Form und singt seine eigenen Melodien.

Wie werden Gletscher zu dem, was sie sind? Welche Rätsel schlummern in ihren abgrundtiefen Spalten? Und wie ist Ihre Geschichte mit der unseren verwoben?

Eine Entdeckungsreise zu 3×3 Gletschern im Herzen der Kanadischen Rockies, von Nord nach Süd.

    1. Robson Glacier – Zeitenwandel
    2. Angel’s Glacier – Vergänglichkeit
    3. Athabasca Glacier – Profit
    4. Columbia Icefield – Geburt
    5. Fortsetzung
Robson Glacier in den Kanadischen Rockies
In vollster Pracht fließt der Robson Glacier an der Flanke des „Berges mit dem Wolken-Hut“ hinab, wie ihn die Overlander nannten.

1. Robson Glacier – Zeitenwandel

Beginnen wir unsere Reise direkt beim wolkengekrönten König der Kanadischen Rockies, seiner Majestät Mount Robson (3.954 m). An den Flanken des schwierig zu besteigenden Monarchen fließen mächtige Gletscher talwärts. Durchaus geräuschvoll kalbt Berg Glacier unermüdlich in den gleichnamigen See an der Nordflanke des Monarchen. Währenddessen zieht sich der größte Gletscher am höchsten Berg der Kanadischen Rockies sichtbar zurück. Kein unbekanntes Phänomen heutzutage. Ungewöhnlich sind jedoch die Funde.

Die Zunge des Robson Glacier beginnt in 3200 m Höhe, durchfließt starkes Lawinengebiet und mündet im Gletschersee auf etwa 1720 m Höhe. Das Verschwinden des Eises legt darunter Verborgenes frei. So zeigte sich in den 1980er Jahren eine Seitenmoräne am nördlichen Gletscherrand. Das stärker fließende Gletscherwasser grub sich zwischen Nordhang und Moränenkamm einen Ablauf und sammelte sich im Gletscherrandsee. 1992 war es dann so weit. Drei Baumstämme schwammen am Rande des Sees. Woher kamen sie? Weiter oben gibt es nur harten Fels, scharfes Geröll und kaltes Eis.

Robson Glacier Schild 1911
Das vom Alpine Club of Canada (ACC) angebrachte Schild markiert den Gletscherrand des Robson Glacier im Jahr 1911.

Zeit für die Forschung. Seit dem Ende des letzten Jahrhunderts tauchen vermehrt subfossiles Holz und andere organische Materialien in Gletscherseen auf – perfekt für dendrochronologische Untersuchungen und die Anwendung der Radiokarbonmethode am Mt. Robson. Erstes Ergebnis: hauptsächlich Engelmannfichten (Picea engelmannii) und Felsengebirgstannen (Abies lasiocarpa) mit vereinzelten Exemplaren der Weißstämmigen Kiefer (Pinus albicaulis) gediehen zwischen 1060 und 1112 n.u.Z. an Ort und Stelle, auf 1720m Höhe.

Die Bäume wurden etwa 300 Jahre alt und starben in einem Zeitraum von circa 100 Jahren. Es folgte eine jahrhundertelang andauernde Vergletscherungsperiode mit ihrem Höhepunkt um das Jahr 1783. In dieser letzten „kleinen Eiszeit“ erreichten die Gletscher der nördlichen Hemisphäre ihre maximale Ausdehnung des Holozäns. Seitdem schwinden die Eismassen erneut. Und das massiv.

Zeitspanne Rückzug / Vormarsch in m
1850 – 1922 -300
1922 – 1950 -1200
1950 – 1980 150-300
1980 – 2005 -500

Quelle: From Glaciers Perspective

Wer heute zum Robson Gletscher zu wandern begehrt, benötigt Ausdauer sowie den Willen, auf einfachen Backcountry-Campingplätzen zu nächtigen. Eine Traumtour am Fuße des Mount Robson führt binnen 2 Tagen zum Berg Lake und Robson Glacier (Berg Lake Trail, Tour 55 im Wanderführer Kanadische Rocky Mountains).

Dank eines Schildes erkennt man den langen, vom Gestrüpp gesäumten Weg des Gletscherrückzuges. Doch auch ohne menschliche Notiz lässt sich der rasche Schwund der Gletscher in den Kanadischen Rockies mit Hilfe verlässlicher Signalpflanzen zurückverfolgen.

 

Angel Glacier in den Kanadischen Rocky Mountains
Vom Rock des Angel’s Glacier ist nicht mehr viel übrig. Ein großes Stück brach 2012 und führte zu einer erheblichen Verwüstung der Zufahrt.

2. Angel’s Glacier – Vergänglichkeit

Die vergangenen Jahrtausende des Holozän waren geprägt von aufeinanderfolgenden Gletschervorstößen. Der Letzte begann um 1050 n.u.Z. und endete im 19. Jahrhundert. Benannt wurde dieser nach Mount Edith Cavell (Cavell advance), an dessen Ostflanke der Angel’s Glacier schwebt. An einen Engel erinnert die Gletscherform zwar längst nicht mehr, unterstreicht jedoch den seltenen, weiblichen Namen des Berges. 1916 benannte man den Gipfel nach der tapferen britischen Krankenschwester, die im Ersten Weltkrieg alliierten Soldaten in Belgien zur Flucht verhalf und dafür hingerichtet wurde.

Die Spuren der Vergangenheit sind nachlesbar, in historischen Chroniken und in Flechten. Die grün-schwarze Landkartenflechte (Rhizocarpon geographicum) kann es kaum abwarten, bis das Eis die verborgenen Quarzit-Blöcke entblößt. Rasch erfolgt die Besiedelung in einem der Wissenschaft bekannten, gleichmäßigen Bewuchs. Perfekt für die Forschung und unseren Erkenntnisgewinn. Daher also konnte man die maximale Ausdehnung der Gletscher in den Kanadischen Rockies ableiten.

Zeitspanne Gletschervorstoß
9000 – 8000 v.u.Z Crowfood advance
1100 v.u.Z. – 500 n.u.Z. Peyto advance
1050 – 1900 n.u.Z Cavell advance

Quelle: Handbook of the Canadian Rockies

Nur einen kurzen Abstecher vom Icefields Parkway entfernt kann man selbst auf den Bouldern am Angels Glacier hüpfen. Oder man steigt den Meadows Trail weiter hinauf und sinniert über die Vergänglichkeit am Fuße des „Weißen Geistes“, wie die First Nation den markanten Berg im Umkreis von Jasper nannten (Mount Edith Cavell Meadows, Tour 47 im Wanderführer Kanadische Rocky Mountains).

Athabasca Glacier in den Kanadischen Rockies
Athabasca Glacier – mit Abstand betrachtet, ist das erschreckende Ausmaß des Klimawandels unübersehbar.

3. Athabasca Glacier – Profit

Besinnlichkeit ist so ziemlich das Gegenteil zu dem, was einen am Athabasca-Gletscher erwartet: Touristenmassen aller Länder bestaunen den am meisten besuchten Gletscher Nordamerikas. Allein etwa eine halbe Million Menschen jährlich zahlt bereitwillig die verlässlich steigenden Preise von über 110 CAD pro Erwachsenem für die Fahrt im „Ice Explorer“. Einmal auf dem Gletscher stehen und Gletscherwasser trinken, im 15 Minutentakt. Nur 24 Maschinen dieser Art gibt es weltweit, zwei in der Antarktis und 22 am Athabasca Glacier. Betrieben wird das „Abenteuerspektakel“ vom  börsennotierten Aktienkonzern Viad Corp in Arizona, die ortsbezogene Marketingdienstleistungen anbieten. In der Region waren sie bis 2017 unter dem Namen Brewster bekannt, seitdem nennen sie sich Pursuit.

Alles begann bereits ein knappes Jahrhundert zuvor, als die Arbeiten am Icefields Parkway starteten. 1939 führte Alex Watt aus Banff Gäste im mit Metallprofilen ausgestatteten Ford A auf das Glatteis des Gletschers. Die Idee ging auf und der Nationalparkservice beschloss, eine Konzession für das Befahren des Gletschers dem geeignetsten Kandidaten zu vergeben. Bill Ruddy aus Jasper war der Glückliche und begann 1952 mit der motorisierten Touristenattraktion am Columbia Icefield, damals mit einem Ski-Doo von Bombardier.

Und bombig lief das Geschäft. Mit dem Ausbau und der Befestigung des Icefield Parkways in den 1960er Jahren standen die Gäste bereits Schlange. Ruddy zögerte nicht. 1969 verkaufte er seine Snowmobile Tours Limited an Brewster Transport Co, die zu diesem Zeitpunkt bereits Greyhound Canada gehörte. Die Familie Brewster verkaufte ihr Unternehmen bereits 4 Jahre zuvor an das Transportunternehmen.

Die mit je 6.000 CAD dotierten Kunststoffreifen ersetzen zwar die Metallkrallen von früher. Der Duft des Diesels schwebt jedoch wie Wolken aus Teer über dem Gletscher, lange nachdem die letzten Touristen in ihre Heimat zurückgekehrt sind. Zwischen April und Oktober ebnen Schneemaschinen und Planiergeräte so breit wie der Highway die Sackgasse auf dem Eis, damit die Monsterbusse umdrehen und die Gäste sich sicher bewegen können. Unglücklicherweise konnte der schwere Unfall im Juli 2020 nicht verhindert werden.

Dass dieser prominente Gletscher noch Überraschungen bereithält, hätte wohl bis zum Winter 2016 niemand gedacht. Stets auf der Suche nach Abenteuern stieg die Outdoor-Legende Will Gadd gemeinsam mit einem Team aus Forschern und Bergsportlern in eine gigantische Eishöhle hinab. Sie entdeckten lebende Organismen unter Eis, im Eis. Kolonien aus Algen. Blutschnee – Verborgene Lebenswelt im blühenden Schnee, ein Kapitel für sich.

Zurück an der Oberfläche, gewinnt man etwas Abstand vom Spektakel auf der gegenüberliegenden Seite des Highways – und einen traumhaften Blick noch obendrauf (Wilcox Pass & Viewpoint, Tour 44 im Wanderführer Kanadische Rocky Mountains).

Lynn Martell auf dem Columbia Icefield
Autorin Lynn Martel genießt die Aussicht und die letzten warmen Sonnenstrahlen des Tages auf dem Columbia Icefield in 3050m Höhe. Hier gibt es keine Hütten, so dass alles Equipment selbst hinauf getragen werden muss . Quelle: Copyright Lynn Martel.

4. Columbia Icefield – Geburt

Und genau da thront es, das größte Eisfeld der Kanadischen Rockies, der Geburtsort der großen regionalen Gletscher an der Grenze zwischen Jasper- und Banff Nationalpark. In den fröhlichen Augen der Berg-Autorin Lynn Martel einem Seestern gleich, der seine Arme in die Täler streckt. Das Schmelzwasser des Columbia Icefields fließt in drei verschiedene Ozeane – den Pazifik im Westen, den Atlantik im Osten und ins Arktische Meer im hohen Norden.

Gletscher sind Wasserspeicher und Wasserspender zugleich. Im Winter, wenn Millionen grazile Schneeflöckchen in tosenden Schneestürmen auf dem Eisfeld landen, beginnt ihre lange Reise der Transformation im Wechsel der Temperaturen und Windgeschwindigkeiten. Aufgetürmte Schneedecken zerquetschen die zuvor frisch gefallenen Flocken durch ihr eigenes Gewicht zu Körnerschnee. Je mehr Schnee fällt umso kompakter verbindet sich die Masse zu einer festen und zugleich plastischen Eismelange. Schneeflocken in kalten und trockenen Temperaturen benötigen einen wesentlich längeren Zeitraum zur Eistransformation als ihre Geschwister in feuchten und wärmeren Temperaturen. Mit einer Dichte von 800kg pro m² pressen sich die letzten kleinen Luftporen aus. Sie formen voluminöse Luftblasen.

Sobald mehr Schnee in einer Periode fällt, als schmilzt, wachsen Eisflächen. Gletscher werden zu dem was sie sind, wenn sie anfangen zu fließen: wenn ihr Gewicht so schwer auf dem tragenden Gestein lastet, dass es anfängt zu gleiten, dem Weg des geringsten Widerstandes folgend. Und wagt ein Hügel, sich in den Weg zu stellen, so staut sich die Masse, wächst an und bricht auf der anderen Seite hinab. Gletscherspalten entstehen – wie ein Riegel Snickers, den man bricht (oder Mars, je nachdem was man lieber mag).

Der Fels am Grunde eines Gletschers erzeugt Reibung, massiv sogar bei Eiseskälte. So fließt die Gletscheroberfläche schneller als die Unterseite. Bei heißer Wärme hingegen schmilzt das Eis und fließt am Grunde ab – der Gletscher kann darauf gleiten und die Reibungsverluste werden minimiert. So fließt er jetzt unten schneller als oben. Wer weiß da noch, wann was wo zieht, zerrt, bricht, fließt und gleitet? Entzückend tückisch. Viele First Nations mieden die Nähe der Gletscher in den Kanadischen Rockies.

Faszination & Schrecken. Enthusiasten des Eises im Westen Kanadas sei Lynn Martels grandioses Buch „Stories of ICE“ wärmstens zu empfehlen – eine Ode an das kalte Nass.

Lynn Martell- Stories of Ice
Lynn Martel (2020): Stories of Ice. Rocky Mountain Books, Canmore

Fortsetzung folgt

Ende Februar führt uns unsere Reise entlang der Perlenkette der Gletscher in den Kanadischen Rockies gen Süden, zu rebellischen Fossilien, leuchtenden Farben und erhabenen Klängen des Eises.

Hier geht’s zum 2. Teil von 3×3 Gletscher in den Kanadischen Rockies (Süd).