Icefields Parkway & Hwy 1A – Die unbekannte Vergangenheit der Traumstraßen Westkanadas

Icefields Parkway und Bow Valley Parkway (Highway 1A) – diese Straßen zählen für West-Kanada-BesucherInnen zum ultimativen Top-Highlight der Reise. Doch wem haben wir eigentlich die Straßen zu verdanken, auf denen wir die bezaubernde Bergwelt der Rocky Mountains für uns entdecken?

Es ist wenig bekannt, dass auch in Kanada zeitweise Zwangsarbeiter rekrutiert worden sind, um der Wirtschaft ihre Arbeitskraft billig zur Verfügung zu stellen. Zwischen 1915 und 1946 schafften in den Nationalparks des Westens zehntausende Männer: unfreiwillig.

    1. Weltkrieg I
    2. Weltwirtschaftskrise und 1930er Jahre
    3. Weltkrieg II
    4. Schicksale
    5. Tourenvorschlag
Icefields Parkway - Bow Lake
Hoch oben über dem Icefields Parkway mit Blick auf den Bow Lake am Wapta Icefield

Um ihre Rolle als „nationale Spielplätze“ zu erfüllen und Touristen anzuziehen, brauchten die Parks Besuchereinrichtungen und — im beginnenden Zeitalter des Autos — Straßen.

Während der Depression und in beiden Weltkriegen ein Luxus für die nationale Wirtschaft, die für solche Nebenkriegsschauplätze kaum ausreichend Mittel zur Verfügung stellen konnte.
Die Lösung der damaligen Politik: Arbeitslager.

Weltkrieg I

Im ersten Weltkrieg wurden beim Bau des Bow Valley Parkways 900 Mann mit Hacken, Schaufeln und Schubkarren bewaffnet, um in Banff, Jasper, Yoho und Mt. Revelstoke die grundlegende Infrastruktur zu errichten. Die meisten von ihnen stammten aus dem damaligen Österreich-Ungarn und galten als „feindliche Ausländer“, vor denen aufgeregte Paranoia herrschte.

Während sie in den Boom-Jahren zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Gastarbeiter beim Eisenbahnbau dringend gebraucht wurden, vegetierten sie nach dem Kriegsausbruch als arbeitsloses „Lumpenpack“ in den Ghettos am Rande der Städte.

Die Internierung in die Arbeitslager der Nationalparks betrachtete die Föderalregierung damals als sinnvolle Maßnahme, sie einerseits von den panischen Kanadiern zu trennen und andererseits von der Straße zu holen und zugleich ihre Arbeitskraft effektiv zu nutzen.

Die hygienischen Bedingungen in Zeltlagern und Holzhütten waren katastrophal, die Arbeitszeiten lang, die Behandlung derb und das Essen knapp. Diese misslichen Zustände zählten damals zwar als reguläre Arbeitsbedingungen, doch wer sich nicht fügte, konnte in Ketten bei Wasser und Brot enden. Zudem wehte kaum ein Schneesturm heftig genug, um die Bauarbeiten zu stoppen.

Die Internierten wehrten sich. Sie arbeiteten langsam, spielten krank, traten in Streik oder flohen, wann immer sich ihnen eine Möglichkeit bot. Sie nutzten ihre Chancen: die Waffen der Schwachen – so der vom Anthropologen und Politikwissenschaftler James Scott entworfene Begriff dieser Methoden.

Aber erst als der kriegsbedingte Arbeitskräftemangel so weit ging, dass selbst die „Enemy Aliens“ auf wichtigeren Posten gebraucht wurden, schloss 1917 in Banff das letzte Lager. Ein Mahnmal an der Natural Bridge im Yoho Nationalpark erinnert an die Ukrainischen Arbeiter.

Weltwirtschaftskrise und 1930er Jahre

Die nächste Ladung Männer, die den Bau der heutigen Traumstraßen fortführten, Campingplätze errichteten, Kochhütten zimmerten und Wasserrohre verlegten, waren tausende arbeitslose Kanadier. In den Jahren der verheerenden Weltwirtschaftskrise um 1930 beschloss die kanadische Regierung als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, die Infrastruktur der Nationalparks Kanada-weit abermalig auszubauen. So auch am Icefields Parkway.

Tausende arbeitslose Männer hatten die Wahl: Arbeit in den Nationalparks zur Sicherung der Grundbedürfnisse (Nahrung, Kleidung, medizinische Versorgung und eine kleine Entschädigung) oder keine Arbeit.

Insgesamt traten sodann circa 170 000 Männer ihren Dienst in sogenannten „relief camps“ (Hilfslager) an. 600 davon schufen die heutige Traumstraße entlang des alten „Wonder Trails“ von A. O. Whealer.

Um so viele Männer wie möglich zu beschäftigen, entstand mit nur einem kleinen Traktor pro Crew, Pferden und maßgeblich Muskelarbeit innerhalb von 10 Jahren der „Handmade Highway“ Icefields Parkway – eine einspurige Kiesstraße zwischen Lake Louise und Jasper. Die Bezahlung und die Arbeitsbedingungen waren etwas besser als bei den „Aliens“ im ersten Weltkrieg: sie lasen Bücher, hörten Musik, spielten Karten oder Hockey.

Weltkrieg II

Kurz darauf, in den 1940er Jahren, beutelte nun der zweite Weltkrieg Kanadas Wirtschaft und vor allem die japanischen Immigranten. Viele Bewohner des schönen Bundesstaates British Columbia forderten in ihrer überspannten Panik die Ausweisung aller Japaner. Dabei war ihnen egal, dass viele bereits die kanadische Staatsbürgerschaft besaßen und teilweise seit Generationen in Kanada lebten.

Nach dem Angriff auf Pearl Harbor 1941 wuchs die Anspannung so drastisch, dass Ottawa Anfang 1942 nachgab. Alle 22 000 japanischen Kanadier, die in einer Zone von 100 km entlang der Westküste wohnten, wurden vertrieben. Die meisten brachte man hastig in Lager ins Innere der Provinz, andere nach Alberta, Manitoba und Ontario, wo sie in den Zuckerrübenfeldern arbeiten mussten.

Mehr als 1.300 Männer wurden von ihren Familien getrennt und für den Straßenbau in den Nationalparks der Rocky Mountains eingesetzt. Erst 1988 entschuldigte sich Victoria offiziell und zahlte jedem Überlebenden eine Entschädigung.

Zudem mussten auch ein paar 100 junge Kriegsdienstverweigerer in den Nationalparks ihren Dienst antreten: Mennoniten und Hutterer, die aus religiösen Überzeugungen den Griff zur Waffe verweigerten. Später kamen noch die Zeugen Jehovas hinzu.

Da nach Kriegsende ein drastischer Anstieg an Touristen erwartet wurde, blieb das Camp in Banff bis Juli 1946 bestehen. In anderen Teilen (Riding Mt.) wurden zwischen 1943 und 1945 auch noch ein Teil der von Churchill über den großen Teich geschickten deutschen Kriegsgefangenen zur Arbeit herangezogen.

Schicksale

Die Nationalparks des kanadischen Westens: heute ein Synonym für Erholung und Outdoor-Aktivitäten, bedeuteten für tausende von Männern Gefangenschaft, Isolation und Plackerei. Manche, die später zurückkamen, brachen hier weinend zusammen.

Kanadas Werbung „These are your parks … Come and enjoy them” (Diese sind Eure Parks …  kommt und genießt sie) blieb für sie Jahrzehnte lang eine schwer zu schluckende Pille.

Die Kenntnis dieser unrühmlichen Vergangenheit der touristischen Erschließung der Nationalparks ließ mich Jahr für Jahr diese Straßen umso mehr würdigen und in Demut genießen.

Die Leichtigkeit, mit der wir die traumhafte Landschaft an uns vorbeiziehen lassen können: das Werk wahrhaftig schuftender Hände.

Danke.

Icefields Parkway - Wilcox Pass - Viewpoint
Direkt neben dem Trubel am Athabasca Glacier des Columbia Icefields führt ein Pfad zum Aussichtspunkt mit weitem Blick gen Süden

Tourenvorschlag

Entlang der Hauptschlagader der Kanadischen Rocky Mountains – des Icefield Parkways und Bow Valley Parkways – führen unzählige sensationelle Eintageswanderungen sowie mehrtägige Treks in die Wildnis. Hier eine Auswahl zu treffen, ist schier unmöglich.

Wer eine Auszeit von den Menschenmassen am Columbia Icefield sucht und die ganze Szene mit viel Luft überblicken möchte, ist auf dem Abstecher zum Wilcox Pass (Tour 44) mit Blick auf das Eisfeld sowie nach Süden zum Banff Nationalpark wunderbar aufgehoben.

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